für jan – ich musste bei dich denken, als ich den protagonisten vor mir sah.
es gibt nicht mehr vieles, das deine aufmerksamkeit für eine zeitspanne von mehr als fünf minuten fesseln kann. zwar existieren noch fragen und aufgabenstellungen, die dich aus schulischem und somit vermeintlich edukativen motiven zu interessieren haben, die aber nicht mehr als dein pflichtbewusstsein zu wecken vermögen, wobei diese pflicht nur ein nett ausgedrückter blumig-ausführlich begründeter zwang ist. wüsstest du nicht, dass du für die erfüllung deines berufswunsches ein studium brauchst, beendetest du die schule lieber heute als morgen.
du willst alles ganz genau wissen, seit du sprechen kannst, hakst du immer nach, gehst allen fragen, antworten und aussagen auf den grund. in frühen jahren, als deine eltern noch stolz auf dich waren, als du noch klein warst und putzig, wie sie sagten, nannten sie dich bei freunden und verwandt stolz wissbegierig und ein aufgewecktes kerlchen, doch die letzten worte, die sie über dich verloren, waren andere: undankbar seiest du, nicht zufrieden zu stellen und schwul und nicht mehr ihr sohn. schwul? du bist definitiv nicht deutschland, aber du bist eher das als schwul, kannst dir nackte männer unter der dusche anschauen ohne dabei eine latte und oder einen roten kopf zu bekommen. dein bruder, der ist schwul und nach der verfügung seiner eltern, die auch mal deine waren, nunmehr einzelkind. dass er schwul ist, wissen seine eltern nicht. du weißt es und du weißt auch, warum es seine eltern nicht erfahren sollen, du wirst es ebensowenig verraten wie er seinen eltern von deiner freundin erzählen wird.
du hattest es nicht verstanden, aber du hast nachgefragt, wie immer, und jeden anderen hättest du zur weißglut getrieben – du weißt gar nicht, wie viele leute sich über dich das maul zerreißen, dich hassen, und da heißt es lass die leute reden, aber es geht dir auch am arsch vorbei – und euch beiden fiel das gespräch nicht leicht, doch hat es euch befähigt einander zu verstehen, anders als es mit einem dahergesagten ich verstehe ja ausgedrückt werden kann.
schwul zu sein – eines der größten und spannendsten rätsel für dich, der du es nicht bist (wie sonderbar es ist, es nicht zu sein, daran hattest du bis dahin nicht gedacht), doch es gibt noch ein mysterium, das dir niemand zufriedenstellend erklären und auflösen konnte, es verfolgt dich in die träume, in den träumen, quält dich am tag und in der nacht und niemand hat eine medizin für dich, kein mensch, kein buch und auch nicht das internet.
plötzlich hängt da dieser zettel, sie behaupten, sie wüssten etwas, kännten die antworten, ein kleiner, niemalsblauer zettel mit schwarzer schrift, times new roman, wie dein typografisch geschultes auge erkennt. er führt dich zu ihnen, ein kleiner raum in deiner schule, im keller, am ende eines dunklen ganges, als hätte man ihn kurz nach der errichtung des schulgebäudes vergessen. der raum ist klein und dunkel und staub bedeckt den boden, staub liegt auf den alten, hölzernen pulten, es riecht nach vergilbten und gelesenen büchern und als du die tür hinter dir schließt, sie knarrrrrrrrrrrrrrrrrrt, wie das alte, schwere massivholztüren mit messingbeschlägen tun, wenn sie lange nicht bewegt wurden, leuchten petroleumlampen an den wänden ein wenig heller und verbreiten ihr warmes, annähernd flackerfreies licht ein wenig weiter. erst jetzt offenbart sich dir die breite schiefertafel an der wand du deiner rechten und das lehrerpult vor dir fordert dich auf, an ihm platz zu nehmen. kaum sitzt du an diesem schubfächerbewehrten tisch, erscheint ein weißes blatt papier vor dir – unwirklich neu – und ein federkiel samt tintenfass – unwirklich alt – und du bemerkst, wie in der ersten pultreihe fünf gestalten platz nehmen, drei männer und zwei frauen, sie sind nackt und wunderschön, ihre körper sind makellos, perfekt und doch verschieden, unbehaart bis auf das haupthaar, sie haben alle schwarze haare, obsidianschwarz, das dämmerlicht lässt irhe augen dunkler erscheinen als sie ist. nur ihre augen …
sie wollen, dass du deine frage auf das blattschreibst, und deinen namen dazu. du schreibst und lehnst dich zurück, schaust sie erwartungsvoll an.
sie blicken dich mit ihren großen augen an und hinter ihren leeren milchglasscheiben leuchtet die welt ein wenig heller. „waruuuum?“ wiederholen sie den anfang deiner frage und ziehen ihn spöttisch in die länge, bis das echo beginnt und weiter fragt, sie antworten in das echo hinein „weiiiiiiiiiiiil.“
dann stehen sie aus der bank auf und treten an dich heran, der junge mit den wild verstrubbelten haaren und die frau mit dem langen, lockigen haar fassen dich bei den händen, ihr alle bildet einen kreis.
sie heißen dich willkommen und du spürst die veränderungen an deinem eigenen körper. ihr seid das warum-weil-konsortium.
ihr kennt alle antworten.
ich hab das so!! vermisst. ganz ohne warum.. und weil.. oder mittendrin warumweilweilwarum.. ich könnt stundenlang diese worte lesen.. und in ihnen baden. in den farben wühlen!
baden klingt gut, in einem meer aus warum und weil … und dazu noch eine tube wenn, damit es schön bunt schäumt.
dann vergiss aber auch nicht all die anderen füllworte, die wie schillernde seifenblasen in die himmel wandern.. was wäre ein bad ohne seifenblasen!
konjunktionen, relationen, konjugationen, interrogationen, ionen, äonen, das volle programm und eine prise meersalz … das bad singt in vielen farben und das wasser fließt hinaus in die welt.
auch eine art des konsortiums.. die welt du indoktrinieren. .mit buntem farbigem gedankenwasser
die welt ist bereits ein konsortium … jeder kennt jeden über durchschnittlich 6,6 andere personen.
wir indoktrinieren nicht, es sei denn, die freiheit zu allem ist unsere doktrin, die fähigkeit aus allem schöpfen zu können, die freiheit auf diese freiheit verzichten zu können. … es ist keine doktrin, es ist eine idee. nicht mehr und nicht weniger – und doch so viel.
die idee. mit ihrem ewigen jammertal und dem ständigen bestreben nach erkenntnis. .und ists erstmal erkenntnis. sind wir wieder bei der doktrin.. ringsherum immer schön im kreis und dabei nicht die hände loslassen
die ganze welt fasst sich an den händen. ich pack mir an den kopp.
was können wir denn erkennen? eigentlich nur eines: händchenhalten führt uns im kreis an der nase herum, entwicklung – wohin auch immer – braucht auch ausreißer.
bist du nicht schon ausreißer mit genau jenem gedanken? durchbrichst du nicht schon schöngedrechselte grenzbereiche?
Ich bade mit.
auja, die „meer“ genannte badewanne hat platz für jeden von uns – und die hände bleiben über dem schaum, keine dummheiten machen, davon wird man blind
– natürlich bin ich ausreißer und bin es auch nicht, ich durchbreche die grenzen und ziehe sie hinter mir her, erweitere unseren horizont und bleibe somit doch dabei … bin als ausreißer ein teil des ganzen, weil ich auch nur ein mensch bin.
zufrieden zappelnd in einer geistigen scheindemokratie, darauf bedacht, alles anders zu machen, was man eigentlich nicht anders machen kann aufgrund des mensch-seins. für nichts.
entschuldigung, ich bin im begriff abzusaufen.
du kannst nicht absaufen, du lebst weiter im wasser als mensch, den wir menschen fisch nennen um uns abzugrenzen, wozu?